21. August 2025

NachWuchsKampagne

Der Nachwuchs ist das Versprechen an die Zukunft – Der Staat braucht 600.000 zusätzliche Beschäftigte

Negativrekord: Dem öffentlichen Dienst fehlen so viele Beschäftigte wie nie zuvor, die Handlungsfähigkeit des Staates steht auf dem Spiel und eine Entlastung durch die Digitalisierung ist nicht in Sicht.

Die Aufgabendichte und – Komplexität nimmt zu, die Anforderungen an die Effizienz des Staats sind hoch und weiterhin fehlen zahlreiche Kolleg*innen, um allen Aufgaben gerecht zu werden. Die dbb-Erhebung zum Personalmangel im öffentlichen Dienst, erfasst nicht die tatsächlich offenen Stellen, sondern die Zahl, der für eine effiziente Aufgabenerledigung tatsächlich benötigten Beschäftigten. Explizit die neu entstandenen Aufgaben im Bereich der Polizei, beim Zoll, in Schulen, in der Kranken- und Altenpflege und in der Justiz verursachen einen zusätzlichen Personalbedarf im öffentlichen Dienst.

Dem öffentlichen Dienst mangelt es an Arbeitskräften

Die zahlenmäßig größten Fehlbedarfe gibt es laut aktueller dbb Abfrage bei den Fachgewerkschaften vor allem bei Fachkräften in Gesundheit- und Altenpflege (120.600), bei Lehrkräften (115.000) sowie in den Kommunalverwaltungen (108.500). Allein 2025 gehen 2 % der Beschäftigten des öffentlichen Dienstes altersbedingt in den Ruhestand. In den nächsten 10 Jahren scheiden mindestens weitere 27 % aus. Rechnet man davon die erwartbaren Neueinstellungen ab, bleibt – rechnerisch – eine zusätzliche Personallücke von mehreren hunderttausend Beschäftigten (dbb, Juli 2025). Der demografische Wandel und der damit einhergehende Rückgang der Erwerbsbevölkerung stellt den öffentlichen Dienst vor große Herausforderungen.

Für diese Herausforderungen müssen effektive und vor allem langfristige Lösungen gesucht werden. Die Pensionierungen nehmen zu, und der Nachwuchs bleibt aus. Die Politik sieht die Lösung darin, dass der Mangel an gut ausgebildeten Arbeitskräften durch Ältere ausgeglichen wird. Ein Beispiel bilden die lauter werdenden Überlegungen, die freiwillige Arbeitszeit von Richter*innen von 67 auf 69 Jahren zu erhöhen. Der Handlungsbedarf ist offensichtlich, nach Angaben des Richterbundes gab es im März 2025 knapp 933.000 unerledigte Fälle. Es kommt zu Engpässen in der Bearbeitung, die Verfahrensdauer steigt und die Belastung unter den Justizmitarbeitenden nimmt zu.

Im Bildungsbereich sind diese Überlegungen noch konkreter: Über das Programm "Grau macht schlau" werden in Thüringen Lehrerinnen und Lehrer für den Dienst aus dem Ruhestand zurückgeholt, beziehungsweise sich noch im Dienst befindliche Lehrerinnen und Lehrer gebeten werden, ihren beabsichtigten Ruhestand zu verschieben.

Der Ansatz, durch eine verlängerte Erwerbstätigkeit den Fachkräftemangel auszugleichen, wird landesweit umgesetzt. Laut MDR-Analyse arbeiten in Thüringen zunehmend mehr Menschen im Rentenalter.  Im Jahr 2024 sind fast 32.000 Menschen im Rentenalter einer Arbeit nachgegangen, somit waren knapp 3,6 % der Arbeitnehmenden im Rentenalter. Offensichtlich scheinen die Anreize der Bundesregierung, Arbeit für Rentner attraktiver zu machen, zu funktionieren, denn seit 2018 ist die Zahl der erwerbstätigen Rentner in Thüringen um 16 % gestiegen.

Die Erhöhung der Erwerbs- und Arbeitszeit ist keine Lösung

Wir erachten ein freiwilliges Weiterarbeiten im Ruhestand bei geistlicher und körperlicher Fitness an sich als eine gute Idee, vorausgesetzt es bleibt freiwillig. Die dbb jugend thüringen sieht darin jedoch keinen nachhaltigen Lösungsansatz, das Problem des Nachwuchsmangels im öffentlichen Dienst zu bewältigen. Eine verpflichtende allgemeine Anhebung der Regelaltersgrenze geht ebenso wie eine Erhöhung der wöchentlichen Arbeitszeit an der Lebensrealität vorbei. „Tagtäglich leisten die Beschäftigten im öffentlichen Dienst wertvolle Arbeit, geben ihr Bestes und leisten viel. Engagierten Mitarbeitenden nun den verdienten Ruhestand nach hinten zu verlegen, sieht für mich nicht nach Wertschätzung aus.“ so Saskia Grimm, Landesjugendvorsitzende der dbbjth, mahnend fährt sie fort: „Die Beschäftigten dürfen nicht für strukturelle Probleme büßen, der demografische Wandel war zu jeder Zeit berechen- und absehbar, aber ein umsichtiges Handeln wurde versäumt. Nun ist es höchste Zeit, an nachhaltigen und fairen Lösungen zu arbeiten.“

Auch eine Verlängerung der Wochenarbeitszeiten stellt keine Option dar. Laut dbb-Chef Volker Geyer gehen derartige Forderungen an der Lebenswelt und den Anforderungen der Arbeitswelt vorbei: „Wir haben schon heute eine extreme Zunahme an psychischen Erkrankungen. Die Leute können nicht mehr.“ Vielmehr bedarf es einer durchgreifenden entlastenden Digitalisierung, einer aufgabengerechten Personalausstattung und wettbewerbsfähiger Arbeitsbedingungen. Der öffentliche Dienst muss in den Nachwuchs investieren, um handlungsfähig zu sein.

Der Staat muss handeln und den öffentlichen Dienst attraktiver machen

Die dbb jugend fordert die Bundesregierung daher nachdrücklich auf, mehr für einen attraktiven öffentlichen Dienst zu tun. Es müssen moderne Arbeitsformen realisiert und die Digitalisierung muss beschleunigt werden. Außerdem muss man Aufgaben bewerten, um verfügbare Ressourcen bestmöglich zu nutzen. Das lebenslange Lernen muss gefördert und starre Strukturen durch agile ersetzt werden. Der Vorsitzende der dbb jugend Matthäus Fandrejewski betont: „Der Staat muss im Wettbewerb um die besten Köpfe konkurrenzfähiger werden. Moderne Arbeitsformen, die mit flachen Hierarchien und Organisationsstrukturen einhergehen. Mehr Digitalisierung, vor allem mit Blick auf die Ausstattung und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz – all das ist es, was jetzt im Fokus stehen sollte. Einerseits, um bestehendes Personal zu entlasten. Anderseits, um die Fachkräfte der Zukunft vom Staat als Arbeitgeber zu überzeugen.

Der Nachwuchs ist das Versprechen an die Zukunft und dieser muss gefördert werden. Es kann nicht die Lösung sein, zukünftig vermehrt auf ältere Menschen zu setzen und die Arbeitszeiten zu erhöhen. Um den Mangel an Fachkräften auszugleichen, ist es unerlässlich in die junge Generation zu investieren. Es braucht keine Debatten um die Erhöhung der Arbeitszeiten, sondern um die Möglichkeiten zur Attraktivitätssteigerung des öffentlichen Dienstes. Leitfragen bei der Suche nach Lösungen sollten sein, wie man junge Menschen motivieren, unterstützen und fördern kann. „Es wird eine Zukunft geplant, ohne die jungen Menschen, welche diese Zukunft betrifft, zu berücksichtigen. Das muss sich ändern!“ betont Saskia Grimm.  

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