01. Februar 2021

dbb Frauen

Mentale Entlastung

Seien Sie mal ehrlich: Wer in Ihrer Familie organisiert die Arztbesuche des Kindes, erstellt die Einkaufsliste, hat im Blick, welche Schul- oder Kita-Termine anstehen oder wie lange die Waschmittelvorräte noch halten?

Diese unsichtbare Arbeit, die mit der Organisation von Alltagsaufgaben und der Haushaltsführung entsteht, nennt man „Mental Load“. Hier geht es nicht um die Erledigung physischer Aufgaben. Es geht vielmehr um das Management dieser Aufgaben und darum, eine schier unendliche Liste von zu erledigenden Aufgaben im Kopf zu haben, sich daran zu erinnern, was wann erledigt werden muss, alle Aufgaben an die jeweiligen Familienmitglieder zu delegieren und dafür zu sorgen, dass sie tatsächlich erledigt werden. Eine mentale Last, die primär Frauen und noch häufiger Mütter zu schleppen haben.

Auch an vielen Arbeitsplätzen ist der Mental Load nicht (gender-)gerecht verteilt: Wer koordiniert, kümmert sich und vermittelt in Teams im beruflichen Kontext? Wer schreibt Protokoll, wer denkt an die Geburtstage von Kolleginnen und Kollegen, wer erledigt die wichtige Post? Um dieses Missverhältnis auch in der Arbeitswelt aufzuklären, hat das Team des Equal Care Day zusammen mit Autorin und Bloggerin Patricia Cammarata den Mental Load-Test@Work entwickelt. Unter equalcareday.de können Beschäftigte aller Branchen einmal selbst testen, wie sehr sie vom „Mental Load Gap“ bei der Arbeit betroffen sind.

Wir legen diesen Test vor allem Teamleitungen und Führungskräften ans Herz: Führen Sie diesen Test gemeinsam mit Ihren Kolleginnen und Kollegen durch. Sie werden Erstaunliches über Ihre Arbeitskultur erfahren. Gerade jetzt, da viele Beschäftigte im Homeoffice seit Monaten vor der großen Herausforderung stehen, Familie, Beruf, Homeschooling und all die anderen Alltagsaufgaben zu vereinbaren, bei denen sie bisher auf die Unterstützung der Familie oder von Freunden setzen konnten, ist Augenmaß gefordert.

Aber auch die von der Bundesregierung versprochene und essenziell wichtige Unterstützung für Familien während des Lockdowns muss einem kritischen Blick unterzogen werden. Sind die beschlossenen Maßnahmen wirklich zielführend und ausreichend? Wer profitiert und wer nicht? Wer wird die zusätzlichen Kinderkranktage in Anspruch nehmen? Und ist der damit verbundene bürokratische Prozess effizient und unkompliziert genug, um bedürftige Familien tatsächlich zu entlasten? Auch hier wird die Verantwortung vorrangig Frauen und Müttern angelastet.

Vor allem die Regierenden, Arbeitgebenden und Führungskräfte sehen wir akut in der Pflicht: Denken Sie den Aspekt „Mental Load“ mit, wenn sie neue Regelungen oder Verfahren einführen. Werden Sie selbst aktiv und bieten Sie Familien die Hilfe an, die sie jetzt brauchen – auch, wenn diese über die gesetzlichen Angebote hinausgehen. Achten Sie immer auf ein gutes Verhältnis bei der Verteilung von Arbeitslasten. Und sorgen Sie dafür, dass Mütter und vor allem jene, die bei der Erziehung auf sich allein gestellt sind, keine zusätzlichen Nachteile durch die alltäglichen Herausforderungen erfahren.

Link zur aktuellen Ausgabe von frauen im dbb: